Mittwoch, September 14, 2016

Keine Angst vor netten Leuten




cover1930aDer gelernte Jurist Kurt Tucholsky wurde durch seine spitze Feder berühmt. Als Kritiker und Kommentator in der „Weltbühne“ spießte er in den wilden zwanziger und den frühen dreißiger Jahren schlechte Texte, alte Krieger und junge Schwadroneure auf – er machte sich aber auch über Menschliches-Allzumenschliches lustig.
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Der gelernte Schauspiel-Regisseur Immo Sennewald lässt „Tuchos“ satirisches Feuerwerk wieder funkeln, zündet seine Pointen und macht mit aktuellen Texten neue Leuchtraketen scharf. Dazu gibt‘s musikalische Improvisationen: Swing, Jazz, Chanson.

14. Oktober 2016 im Kaminzimmer des "Atlantic-Parkhotel", Gotheplatz 3, 76530 Baden-Baden

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Samstag, September 10, 2016

Freunde oder bloß fb?

Wohnort, Heimat, ZufluchtFraglos war's eine wichtige Erfahrung, fraglos waren unter den fb-Kontakten, etwas hochtrabend Freunde geheißen, wirklich interessante, kluge, poetische, witzige Menschen mit lesenswerten Texten und ansehnlichen Fotos, aber nach sieben Jahren (wie die Zeit vergeht!) kann ich dem "Sozialen Netzwerk" nur noch wenig abgewinnen, es frisst andererseits unverhältnismäßig viel Zeit, betrachte ich auch nur das rasche "Drüberscrollen" bei Banalitäten, Pöbeleien, Panikmache, -zigfach Geteiltem, Werbung, ... .
Drum habe ich meinen fb-Account heute stillgelegt. Wer wirklich an meinen Gedanken, Reflexionen, Pointen, Fotos interessiert ist, findet meinen Weblog - und kann den direkten Meinungsaustausch suchen, dafür gibt's obendrein die "Literatur"-Community bei google+, twittern werde ich auch bisweilen.

Viel besser gefällt mir der persönliche Umgang mit Freunden: Er ist unersetzlich, es kann einer gar nicht genug Zeit darauf verwenden, Freundschaften zu pflegen, die den Namen verdienen, noch dazu, da seine Lebensspanne erkennbar gegen Null geht. In diesem Sinn: Willkommen hier oder bei meinen Veranstaltungen etwa im "Atlantic Parkhotel" in Baden-Baden. Die nächste wird am 14. Oktober sein und hat den Titel "Keine Angst vor netten Leuten". Satirische Texte von Tucholsky bis heute stehen auf dem Programm.

Mittwoch, Mai 11, 2016

Kernkraft Wellness Punk – eine deutsche Komödie (I)

Radioactive 

Zeit und Ort: Zwischen 1989 in Berlin, in den USA zur Jahrtausendwende und in Deutschland heute

1
Musik (Punk)
Marion: (Vor einem Foto, das sie als Punkerin mit 18 zeigt, leichthin) Für Sie hab ich das vorgekramt, das Foto und dieses Ding (zeigt einen großen Porzellanteller, lacht.)
Wie waren Sie damals, Ende der 80er Jahre? Und wo? Ost, West? Ihre Welt: russisch, … ääähh sowjetisch, kommunistisch unterworfen oder frei dank Amerika seit über vierzig Jahren? Oder waren Sie einfach nur Bundesbürger – jenseits von Gut und Böse? Wussten Sie schon, was wird? (lacht) Ich bin jetzt ... die Endform von erwachsen, längst aus den Kinderschuhen. Kinderkrankheiten – alle überstanden, die Hörner abgestoßen, lange her. Nichts wächst sich mehr aus, schief bleibt schief, Träume eingekeilt in Wirklichkeit, Erinnerung zurechtgebogen, nichts wird mehr, wie's war – aber wie war's?
Komisch – was niemals altert, sind doch Träume. Mädchenträume … so fing meiner an: (Sie stellt den Teller auf den Rand, dreht ihn mit kräftigem Schwung, so dass er kreiselt, das Geräusch wird immer lauter, während sie abgeht, dabei wird aus dem Foto die echte Punkerin Marion, die hin und her über die Bühne hetzt. Aus dem Hintergrund brüllt Lehrer Beitler)
Lehrer Beitler Bleiben Sie stehen! Halt! Stehenbleiben, Sie kommen doch nicht weg!
Anton (steht plötzlich vor Marion, hält sie auf) Was ist denn los?
Marion Punk O Scheiße. Idiot, lass mich los!
Lehrer Beitler Halten Sie sie fest! Das ist ein Vorkommnis mit Folgen, Grosse, Marion! Dacht ich's doch! Danke, Anton, gut gemacht, man sieht doch gleich, was ein Genosse ist.
Anton Ich bin nur Kandidat.
Lehrer Beitler Klassenbewusst, diszipliniert, wie's einem künftigen Wissenschaftler ansteht, nehmen sie sich ein Beispiel, Grosse, das heißt: sowieso egal, Ihr Abitur können Sie sich (beginnt zu lachen) buchstäblich abschminken, na, davon wenigstens versteh 'n Sie was, von Schminke. Ich sehe Sie um eins dann beim Direktor. (ab)
Anton Tut mir leid.
Marion Punk Wieso? Du bist doch gleich eins rauf mit Mappe, Streber. Fühlt sich gut an, nicht?
Anton Was du da grad gemacht hast …
Marion Punk … das Vorkommnis: Sabotage, vorsätzlich den Unterricht gestört …
Anton war toll! Der Teller wollte gar nicht aufhören zu tanzen. (hebt den Teller auf) Ich hab sowas noch nie gesehen. Und gehört. Eigentlich habe ich dich gesucht, weil …
Marion Punk (lacht) Möchtest du nochmal? Kommt sowieso nicht mehr drauf an.(sie dreht den Teller ein zweites Mal. Ehe er lärmen kann, fängt Anton ihn ab)
Marion Punk Und nun?
Anton Ich habe dich gesucht, weil ich dich fragen wollte: Würdest du mit mir zum Abiball kommen?
Marion Punk (lacht) Was fürn Angebot, na schön, komm du mit mir heut Abend an den See, dann kannst du meiner Clique mal zeigen, wie toll du meine Tellerdrehung findest. Und deinen Einstand geben, der mein Ausstand wird von dieser Schule: „Freundschaft!“ liebe Freunde, macht euern Sozialismus ohne mich! (Black, Musik)
2
(Spot)
Marion Mein See, Kies-See, ich darin als Nixe und kiese mir den Streber für mein Herz. Ach Anton! (lacht) Er hat wirklich den Direktor bequatscht, mir noch ’ne Chance zu geben, macht aus dem Teller ein Experiment, hängt gleich 'ne Hausarbeit dran: Physik, das wirklich Letzte von letzter Chance! Wie war ich verliebt – und eifersüchtig! (Die Bühne wird von einem Lagerfeuer erleuchtet, darum sitzt die Punkerclique. Musik aus einem Kassettenrekorder) So lange her, so kurz die Zeit. Die Kinder groß geworden, unsere, fahren in der Welt herum. Wir auf Mopeds damals durch den Osten. Ziellos zerstreut unterm Diktat der fremden Ziele, voll Sehnsucht aufeinander zu, erschrocken voneinander weg, wenn wir’s nur spürten: der - ein Spitzel auch, will alles wissen, horch und guck und Lug und Trug. Wissen stank nach dem Mief der Macht, Träumen war Halt, Freiheit ein glühender Schmerz vor tausend Zäunen. (geht ab, während die Musik lauter, die Bühne hell wird, Anton und Marion Punk, abgeschminkt und mit „zivilisierter“ Frisur treten auf)
Marion Punk Hey Jungs, das Bier schon warm?
Basti Wie siehst du aus? Wo sind die Würste, und was für ‘n Würstchen schleppst du an?
Anton Ich bin Anton, hätte zwei Granaten anzubieten.
Basti Hey, echter Whisky. Stasi oder Westler?
Marion Punk Er ist okay, Basti, hält mir Ärger vom Hals. Musste mich leider etwas entschärfen, sonst kein Abi.
Tina Wegen dem Typ da machst du dich zur Tussi?
Basti Trink ein Bier, Genosse, auf die Freundschaft.
Tina Und den Abschied, weil’s einer wird, nicht nur von der Schule diesen Sommer, vom See auch. Er wird eingezäunt. Nur das Strandbad bleibt. Gegen Eintritt.
Marion Punk Woher weißt du...
Tina Ordnung, Sicherheit und Disziplin, Genossen! Die sozialistische Datschenbewegung braucht Platz, da müssen schon mal ein paar Hektar Wildwuchs weg. Und Basti zieh‘n sie ein. Er geht drei Jahre zur Asche.
Marion Punk Bist du bekloppt?
Basti Fürs Studium. Mit meinen Noten krieg ich den Studienplatz nur nach drei Jahren Fahne. Prost!
Marion Punk Auf die Anpassung. Danke, Anton, dass du mir hilfst mich anzupassen. Los, braten wir die Würste. Das Feuer braucht Nachschub. Jungs, schafft Holz, sonst kriegt ihr nix zu futtern. (Anton, Basti, 2 Punker ab)
Tina Du hast ein Schwein.
Marion Punk Wegen Anton? Du bist nicht eifersüchtig auf die Speiche – oder? Du hast Basti, den Muskelmann. Dazu den Basti Senior mit Gemüseladen (lacht) aus Ostkohl und Südfrucht wird Westauto.
Tina Nicht komisch. Basti ist längst abgemeldet und ich bin schwanger von ‘nem Italiener.
Marion Punk Du bist …
Tina Genau. Mit Basti schlaf ich schon ein halbes Jahr nicht mehr. Nur Show. Mein Vater bringt mich um.
Marion Punk Wegen der Schwangerschaft?
Tina Wegen dem Italiener. Kanake, Westler, Klassenfeind: ‚Ich kann nicht glauben, dass du uns das antust, unser Vertrauen gröblichst hintergehst!‘ Gröblichst! So redet der. Und schlägt.
Marion Punk Dann schlag zurück. Hau ihm den Schädel ein. Oder was willst du?
Tina Na was schon, Klinik. Nächste Woche. Haste mal ’ne Lulle? (Sie rauchen)
Marion Tina, die Superbraut treibt ab. Kein Land in Sicht, wo die Zitronen blühn.
(Hermann kommt)
Marion Punk Was willst du hier?
Hermann Ich hätte ein paar Fragen. An dich. Nicht im Beisein dieser jungen Dame. Lassen Sie uns allein?
Marion Punk Tina bleib, der Typ hat nichts zu sagen. (Sie dreht den Punk lauter, singt) Hermann, mein roter Bruder schleicht nächtens um den See. Ist dir zu kalt in Moskau, Held der SED? Oder schickt Gorbatschow dich heim? Darauf mach ich mir einen Reim, Der deutsche Musterschüler wird zum Keim … (Geräusch von brechendem und splitterndem Holz, Gejohle der jungen Männer, die Bauholz heranschleppen, ins Feuer werfen).
Hermann Du solltest wenigstens ab und zu an die Familie denken. Deine Mutter ist…
Marion Punk Meine Mutter schuftet sich in der Klinik ab, den Haushalt besorge ich, okay? Und was ich mit meiner Freizeit mache, geht dich gar nichts an.
Hermann Du treibst dich rum, das sehe ich. Schule hört man, ist dir ein Ort zu provozieren, statt dankbar zu sein für Bildung, die du dem Staat verdankst.
Marion Punk Bildung zum Nicken. Mitmach-Training. (Sie ahmt Honeckers Fistelstimme nach) ‚Meine Liebe, meine Treue dem soschelschischen Vatrland!‘ Freundschaft! von Honis Gnaden. Wo nichtmal mehr die ‚Freunde‘ unverdächtig sind, Gorbatschow geht als Gespenst in Osteuropa um, während die ‚Brudervölker‘ Polen, Ungarn euch den Hintern zeigen, soll ich Margots Parolen wiederkäuen, Honi sei Dank, ich glaub mein Schwein pfeift.
Hermann Halt den Mund! Das muss ich mir nicht anhörn. Feindlich-negativ die Einstellung, das zeigst du dreist vor diesen Leuten. Du machst uns Schande, mir und Deiner Mutter.
Marion Punk Lass gut sein, roter Bruder. Deine Karriere ist mir scheißegal.
Hermann Das hat ein Nachspiel. (ab)
Marion Punk Du feiges Bonzenschwein.
Basti Ärger? Soll ich ihm hinterher?
Marion Punk Bloß nicht.
Anton Wer war das?
Marion Punk Mein idiotischer roter Stiefbruder, demnächst Diplomat in Diensten der DäDäRÄäää nach erfolgreichem Studium w unwersisitetje imjeni Lomonossowa.
Tina Nette Familie. Was ist mit Whisky? Los, saufen wir auf unsere tolle Zukunft! Auf den Punk! (alle trinken)
Marion Punk Als in Peking Panzer über Studenten walzten, hat Hermann applaudiert. Ein treuer Fan von Egon Krenz „Hoch die internationale Solidarität! Hoch die internationale …“ (alle außer Anton stimmen in den sarkastischen Sprechchor ein)
Anton Sie machen wirklich alles kaputt. Sogar die Physik.
Tina Hoppla Marion, was hat dein neuer Freund?
Anton Ich meine ja nur. Solidarität ist doch eigentlich gut. Die Naturkräfte … sind doch zum Guten da, nicht für Atomraketen. Und … ach, Scheißpolitik. Trinken wir.
Punker 3 Atomkraft ist überhaupt Scheiße, siehst du doch an Tschernobyl.
Tina Keiner will das Zeug mehr. Macht kaputt, was euch kaputt macht! Scheiß auf Kernkraftwerke! Macht kaputt, was euch kaputtmacht! (wieder nehmen alle den Rhythmus auf, skandieren, brechen Holz, werfen es ins Feuer)
Marion Punk Na los, Anton, was ist, mach mit und fang die Scheibe. Hier geht der Punk ab! (Musik wird extrem laut, alle grölen, singen durcheinander, spielen Frisbee mit Plastiktellern. Von fern ist ein Martinshorn zu hören, kommt näher)
Basti Scheiße die Bullen, nichts wie weg!
(Blaulichter, Suchscheinwerfer, Rufe „Halt, stehenbleiben, Volkspolizei!“, hektisches Gerenne der Punks gegen Zäune, Teller fliegen, in einer Slapstickszene entwischen alle nach und nach, nur Anton und Marion werden festgenommen, das geschieht mit brutaler Härte. Black oder Tableau.)







































































Montag, April 04, 2016

Ins Offene

IMG_20160404_165226_1Jeden Jahres Wunder geschieht wieder, und ich kann niemals genug davon haben. Wenn einer als Kind das Glück hatte, so viel Zeit wie möglich im Freien zu verbringen, die Zauber der sich wandelnden Natur zu schauen, alle Farben, Klänge, Gerüche der Landschaften aufzunehmen und sich tief mit dem Augenblick zu verbinden, dann mag er niemals davon lassen, wird immer wieder aufs Neue vom vermeintlich Vertrauten überrascht.

Noch ein Frühlingsgedicht? Ja. Jeder Lenz ist - so oft sich aus Dreck, Wasser, Sonnenlicht Milliarden Blätter, Blüten, Myzelien bilden - ein anderer. Bilde ich mir ein, dass die Vögel schreien vor Lust und Glück? Mag sein. Ich lasse mich einfach anstecken.

Frühlingstag. Libellenflug.
Flirrend tilgt mit Blau und Grün
Laue Luft den längsten Winter
Nie sind Eis und Schnee genug
Nie muss Hoffnung sich bemühn.
Frühling findet uns als Kinder
Sonne zählt nicht ihre Tage
Gras fragt nicht wie lang es bleibt
Nicht die Blüte, was sie treibt
Nicht mein Mund, warum ich klage.
Deine Küsse werden Flüge
In die schwimmenden Pastelle.
Lachend fallen Vogelzüge
In des Jahres grüne Welle.

Samstag, März 12, 2016

Rilkes Blick– Rilkes Gesichter

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“Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge”, der einzige Roman des als Dichter gefeierten Rainer Maria Rilke, gilt als schwierige Lektüre. Als er ihn fertigstellte, war Rilke gerade 35, aber er war weit gereist und er hatte auf unvergleichliche Art Reisen und Leben, Kindheit und Liebe, scharfe Beobachtung und üppige Phantasien zu einer besonderen Prosa verdichtet. Wieviel Kraft  und Haltung ihr abzugewinnen ist, wieviel Spannung und Witz im vermeintlich düsteren, elegischen Text steckt – darüber durften wir bei “Leben Lesen” gestern Abend staunen. Gespräche über Rilkes Reisen und Bezugspersonen unterhielten die Gäste ebenso wie die musikalischen Intermezzi von Annegret und Bernd Müller (Gesang, Gitarre) und Achim Quellmalz (Klarinette). Die “literarische Jamsession” weckte Lust auf mehr Rilke, Lust auf mehr große Literatur.

Donnerstag, Februar 11, 2016

Der fremde Blick


“Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben…”

Diese Verse aus Rilkes “Herbsttag” kennt fast jeder – und sollte man meinen, dass sie ein junger Mann von kaum 27 Jahren schrieb?

In den Pariser Jahren zwischen 1902 und 1910 entstand auch das bedeutendste Prosawerk des Poeten: “Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge”. Sein besonderer Blick auf die Stadt und ihre Bewohner überrascht Leser immer noch – und öffnet die eigene Sicht auf den Alltag, auf das Tun und Treiben von heute. Rilke lässt uns darüber nachdenken, wie wir uns selbst wahrnehmen – und täuschen.

Bei unserer “literarischen Jamsession” am 11. März um 20 Uhr wollen wir, angeregt durch Rilkes Lyrik und Prosa wieder “Leben lesen”, also Erfahrungen, Meinungen, Widerspruch zu Wort kommen lassen. Musik zwischendurch wird den Abend beschwingen.

Im Kaminzimmer des “Atlantic Parkhotels” am Goetheplatz in Baden-Baden beginnt Immo Sennewald damit wieder seine Reihe literarischer Talkrunden; wegen beruflicher Verpflichtungen in Braunschweig hatte er sie unterbrochen. Nur zu Weihnachten konnten Gäste des Hotels und andere Literaturfreunde sich von seinen Geschichten unterhalten lassen. Sie gefielen so gut, dass die Leitung des Hauses daraus dauerhaft in ihrem Programm kulturelle Glanzlichter machen möchte. Immo Sennewald – Baden-Badenern als Autor von Romanen und Produktionen des SWR bekannt – ist ihrem Vorschlag gern gefolgt.

Mittwoch, November 25, 2015

Wirtschaft und Demokratie – drei Bücher

Wird überhaupt noch darüber gestritten, ob das Ziel eines Unternehmens maximaler Gewinn sei oder seine gedeihliche Existenz als Sozialgebilde?
In mancher Arbeitsumgebung wird darüber nicht einmal gesprochen – darauf deuten zumindest Studien wie der Gallup Engagement Index hin, die Andreas Zeuch am Anfang seines Buches „Alle Macht für niemand“ heranzieht.
zeuch_300dpi_cmykSie besagen, dass ca. 20 % der Mitarbeiter innerlich gekündigt haben bzw. „Dienst nach Vorschrift“ schieben. Während des vergangenen Jahrzehnts seien den Unternehmen dadurch jährlich im Mittel etwa 100 Milliarden € verloren gegangen, rechnet Zeuch vor. Quelle der Unlust und ihrer Folgeschäden – darüber sind fast alle Autoren in den drei hier vorgestellten Bücher mit ihm einig – ist meist der Mangel an Eigenverantwortlichkeit und Mitbestimmung der Beschäftigten. Der Sinn ihrer Tätigkeit hat wenig oder nichts mit eigenen Intentionen zu tun, er geht über den schieren Gelderwerb kaum hinaus, die Strukturen sind hierarchisch - oft wird so vor allem die Verantwortungslosigkeit organisiert. Was daraus wird, zeigt das Beispiel VW – es gibt zahllose andere.
Jedes der drei hier vorgestellten Bücher ist zu empfehlen, gerade weil sie aus sehr unterschiedlichen Positionen zur Sache kommen. Alle können aus denselben Quellen schöpfen, aber Absichten und Vorgehensweisen unterscheiden sich ebenso wie die Aufmachung: Das von Thomas Sattelberger, Isabell Welpe und Andreas Boes herausgegebene „Management-Buch des Jahres 2015“ aus dem Haufe-Verlag ist in Design, Grafik und Druck das aufwendigste.  81VtJOVIYxL„Das demokratische Unternehmen – Neue Arbeits- und Führungskulturen im Zeitalter digitaler Wirtschaft“ versammelt nicht weniger als 27 Autoren mit ausgewiesener akademischer bzw. Management-Erfahrung. Die Arbeitsministerin Nahles steht protokollgemäß voran. Ihr Statement klopft staatstragende Schultern, bleibt schwammig und oberflächlich. Es fragt hauptsächlich nach Rahmen für die digital und global entgrenzte Wirtschaft, also nach der Bestandsgarantie für Posten in Gewerkschaft und Politik.
Thomas Sattelberger, Ex-Manager in einigen globalen Konzernen, interessiert den Leser dagegen gleich mit einem strukturierenden Blick auf Megatrends. Er kondensiert Entwicklungen in Schaubildern, kommt sehr schnell auf die dunklen Seiten digitaler Wirtschaft und Technologien. „Letztlich geht es um die Frage, ob sie zu mehr Demokratisierung führen und bisherige Eliten entmachten oder ob Letztere sogar an Macht gewinnen und die Ökonomie in einer Art kapitalistischer Landnahme von den Menschen Besitz ergreift.“ Spätestens hier darf sich der Leser fragen, wie seine ganz persönliche Rolle in diesem Spektakel aussehen soll. Sattelberger bietet ihm nach einer mit einschlägigen Fachbegriffen gespickten Tour de Force immerhin die Aussicht auf eine – auch dank digitaler Technik – demokratisierte „Arbeitswelt 4.0“ und meldet entsprechenden gesellschaftlichen Bildungsbedarf an.
Auch das Autorenkollektiv um Andreas Boes – es schöpft aus einer großen Zahl einschlägiger Publikationen – sieht die Entwicklung an einer Scheidelinie „Zwischen digitalem Fließband und Empowerment der Beschäftigten“. Es fordert dazu auf, an dieser Linie zu messen, wie Unternehmen geführt werden, insbesondere mit Blick auf neue Techniken und Organisationsformen, etwa flexible Arbeitszeiten. Das folgende Kapitel „Der Blick der Managementforschung“, konstatiert, dass Transformationsprozesse im Gang sind. Isabell M. Welpe und zwei ihrer Kollegen von der TU München haben es verfasst. Sie sehen Transparenz und Partizipation auf dem Vormarsch; sehr kompakt beschreiben sie Wege, Begleitfaktoren, Probleme, die damit einhergehen, wenn Unternehmen demokratische Organisationsformen einführen.
Während ansonsten der Geruhsamkeit deutschen Korporationsdenkens wenig mehr entquillt, als Heere von sprachlichen -ung-Geheuern, geharnischt mit unpersönlichen “Es muss…”-Konstruktionen, während sich jedem Handlungsimpuls also Worthülsen entgegenwerfen und nahelegen: Demokratisieren in Unternehmen ist für die Beschäftigten zu schwer, man muss es dem Management überlassen, setzt sich Shoshana Zuboff von der Harvard Business School konkret mit dem “Modell Uber” auseinander, mit Individualisierung versus “Massen-Bewirtschaftung” und bescheinigt Europa eine Chance, mit “digital disruption” besser zurande zu kommen als amerikanische Wettbewerber - wenn es deren einseitige Profitorientierung vermeidet. Armin Steuernagel bestätigt sie darin mit einem Streiflicht über Geschichte und Rechtsformen von Arbeit und Eigentum.
Das Interessanteste am Buch aber sind zweifellos die Praxis-Beispiele: Berichte aus Unternehmen, die unterschiedliche Wege zur Demokratisierung bereits gehen. Eines davon ist Haufe-Umantis. Es scheint, dass sich der Haufe-Verlag hier eigener Reformprozesse erinnert: Anfang der 2000er Jahre hatte sie der damalige Geschäftsführer Uwe Renald Müller („Machtwechsel im Management“, Haufe 1997, Global Business Book Awards Winner 1997) angestoßen.
Auch Andreas Zeuch führt Haufe-Umantis als Beispiel beachtenswerter neuer Formen in der demokratischen Unternehmensführung an, aber er nutzt andere Erzählformen. Nicht die Insider reflektieren bei ihm eigene Transformationen, Zeuch lässt seinen theoretischen Überlegungen aus dem ersten Teil des Buches – “Provokation” – im zweiten, “Inspiration”, Reportagen und Interviews mit Verantwortlichen folgen. Wer ihn kennt, schätzt seine Eloquenz, er ist ein anregender Gesprächspartner und Autor (“Feel it! – So viel Intuition verträgt Ihr Unternehmen”), und ich persönlich mag seine von Wissen und Erfahrungen befestigte, gleichwohl deutlich subjektive Sicht. Er engagiert sich seit Jahren in “Change”-Prozessen: als Ideengeber, Teilnehmer, Berater und Beobachter, ihn interessiert auch das Scheitern solcher Prozesse - dafür gibt es ein lehrhaftes Exempel - und er hat immer gesellschaftliche Entwicklungen im Auge: Wie kann die Arbeitswelt zur Werkstatt und zum Handlungsort für demokratisches Verhalten werden? Sinnkopplung am Arbeitsplatz könnte den Einzelnen ermutigen, ertüchtigen und erfahren lassen, wie individuelle Möglichkeiten und Gemeinwohl aneinander, miteinander wachsen können.
Teil 3 des Buches – “Aktion” befasst sich mit Haltungen zum Wandel und Instrumenten dafür. Zeuch stellt klar, dass Demokratisierung nur “top down” UND “bottom up” funktionieren kann, dass Bereitschaft zum Rollenwechsel und Konfliktfähigkeit unverzichtbar sind – also geeignete Formen der Kommunikation, letztlich eine Kultur, die Fehler, Missverständnisse, Krisen als Lernprozesse versteht. Dass eine solche Kultur völlig neue Beziehungen innerhalb der Arbeitswelt ermöglicht, individuelle Freiräume schafft und dennoch jederzeit effizienter ist als angst- und kontrollgesteuerte Strukturen und Taktgeber, erörtert auch das dritte Buch:
presse-983Im  bescheidenen Gewand einer Broschüre mit nicht mehr als ein paar Strichmännchen zur grafischen Beigabe und unter Verzicht auf Insider-Terminologie, auf Schlagworte wie “Redundanz”, “Resilienz”, “Prokrastinieren” und anderes, kommen Stefan Fouriers Vorschläge daher, wie sich arbeitende Menschen – egal ob Männer oder Frauen, egal ob an der Basis oder “an der Spitze” – eigener Konflikte, Ängste, Belastungen inne werden und sie meistern können. Mich irritierte zunächst der Titel, denn “schlau” changiert zwischen “intelligent”, “klug”, “listig” und “abgefeimt”. Fouriers Überlegungen – sie gehen darin über "Ratgeberliteratur” hinaus – zielen eher aufs Gescheit werden. Sie sind vor allem ausgegoren: Auf sympathische Weise gesteht der Autor von Anfang an, wie er selbst in die “Perfektionismusfalle” getappt ist, ehe er gescheit wurde; wenn er über wachsenden Leistungsdruck und Komplexität spricht, tut er es aus Erfahrung heraus und gut verständlich. Mir fiel Erich Kästners Wort über Frau Lehmann ein, die so viel liebenswerter und unbeschwerter durchs Leben ginge, versuchte sie nur, statt perfekt die perfekte Frau Lehmann zu sein. So komplex die Welt ist, so komplex ist Jede und Jeder – Vereinfachungen führen nicht weiter, verbünden wir uns lieber mit Komplexität.
Allerdings sind Menschen seit je auf vereinfachende Weltbilder fixiert - seien sie von Priestern im Namen Gottes verkündigt, von Konzernchefs, Despoten oder Medien. Wollen Menschen überleben, wollen sie etwas gelten, müssen sich ihre Selbstbilder möglichst perfekt solchen vom sozialen Umfeld akzeptierten Modellen der Wirklichkeit anverwandeln - mit allen Rollenzuweisungen und Ritualen etwa in einer Konzernhierarchie, sei es bewusst oder unbewusst. Dass jeder von uns die Realität fortwährend miterschafft, dass er bei der Wahl seiner Rolle Freiheiten hat, dass er sie sogar erweitern und wechseln kann, indem er die Kräfte seines sozialen Umfelds zu erkennen, zu mobilisieren, zu nutzen, versteht – das ist eine demokratische Grundidee. Aus ihr resultieren Kommunikation, Lernprozesse, Kooperation - sie stehen in dynamischer Wechselbeziehung zu Konkurrenz, zu Missverständnissen, auch zum Scheitern. Stefan Fourier macht viele interessante Vorschläge zu wachem, offenem Umgang, zu besserer Selbstwahrnehmung, für mehr Freude und Erfolg in der Arbeit bei gleichzeitig schonendem Einsatz eigener Ressourcen. Ohne das Wort “Sinnkopplung” zu benutzen, sieht er in Sinn, Vertrauen, Offenheit, Verantwortung “soziosystemische Erfolgsfaktoren”.
Wenn er dazu empfiehlt, “persönliche Qualitäten für Chaosfitness” zu entwickeln – “Wach, mutig, schnell, diszipliniert, unerschütterlich”, sieht das für mich allerdings nach Actionkino aus. Das Rollenangebot und die persönlichen Stärken von Individuen sind viel reicher und überraschender. Mit von Platon abgeleiteten “Archetypen” – Führer, Macher, Mitmacher und Opponent – versucht Fourier Interaktionen in sozialen Systemen zu erklären, übersieht dabei aber z.B. die Ambivalenz der “Mitmacher”. Er sieht den “Macher”, der zum Kriegstreiber wird, aber nicht den “Mitmacher” im Lynchmob.
Dass ich Fouriers Buch mit Vergnügen gelesen habe, lag aber an solchen Gelegenheiten zum Einspruch weniger als an den vielen Anregungen, an der verständigen und verständlichen Sprache, mit der er sich in den Diskurs um die Arbeitswelt von morgen einbringt. Es will eben nicht perfekt sein. Vielleicht ist es schlau. Gescheit ist es allemal.
Stefan Fourier “Schlau statt perfekt” Verlag Business Village 2015, 204 Seiten, 19,80 €
Andreas Zeuch „Alle Macht für niemand“, Murmann Verlag 2015, 264 Seiten,     25 € 
Sattelberger/Welpe/Boes (Hrsg.) “Das demokratische Unternehmen” Haufe Verlag, 310 Seiten,

Sonntag, November 01, 2015

Vladimir Sorokin “Telluria”

sorokin_telluriaUnter Theaterleuten in Ostberlin war in den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts eine geläufige Redensart, Einer oder Eine habe “einen Nagel im Kopf”. Solche Figuren fielen dadurch auf, dass sie sich abweichend von der Normalität verhielten. Die Normen setzte eine totalitäre Gesellschaft -  also changierte die Bedeutung der Redensart: Wer einen Nagel im Kopf hatte, konnte ein Psychopath sein, ein Idiot oder jemand, der sich auf irgend mögliche Art und Weise den Regeln, Bedrohungen und Verführungen vermeintlicher Normalität durch skurriles, paradoxes oder sonstwie dekonstruktives Verhalten entzog. Jedenfalls schwang, wenn das Prädikat vom Nagel im Kopf, einem langen gar, oder – Superlativ – einem rostigen, vergeben wurde, weniger Häme als eine gewisse Achtung mit. Der Nagel im Kopf war eine mit kollektiver Erwartung unvereinbare Lebensform.

Vielleicht ist das Sorokins genialer Kunstgriff: Dass in einer zukünftigen Gesellschaft der Nagel im Kopf zur kollektiven Wunschvorstellung werden könnte. Dass in nicht allzu fernen Tagen nach allerlei Kriegen der Eurasier gegen Wahabiten und Salafisten, nach zwiespältigen Bündnissen mit Chinesen sich - in Russland zumal – seltsame neue Kleinstaaten bilden könnten, deren einer im fast unwegsamen Altaigebirge zur neuen Schweiz aufstiege, nicht als Hort des Geldes, sondern als Hort des Tellurs, Rohstoff für einzigartige Nägel. Ein Keil aus dem seltenen Element, kunstvoll eingeschlagen möglichst von Fachleuten, verschafft dem Kopfinhaber das wahre Glück auf Erden. Das Tellur korrodiert, der Nagel “rostet” und entfaltet eine enorm vitalisierende Kraft, leider macht das süchtig. Deshalb mangelt es nicht an Schwarzhändlern, Fälschern und scheiternden Selbstversuchen.

In dieser schrägen Welt, bevölkert von allerlei Chimären, Zwergen, Riesen, Abenteurern, tun die Menschen, was sie schon immer taten, tun und zweifellos auch in hundert Jahren noch tun werden. Sie tun es mit phantastischen Gadgets, einer Art Zauberschwämmen etwa, die “Grips” heißen und das Smartphone in holographische Dimensionen erweitern, sie tun es in verwahrlosten Vierteln oder einsam im Wald. Sorokin erzählt das in mannigfachen Stilformen und Redeweisen,  etwa der eines Kentauren, und ich gestehe, selten in meinem Leben bei einer Lektüre mehr gelacht, den Schmerz hinterm Sarkasmus intensiver gespürt und mich einem eigentlich Fremden näher gefühlt zu haben. Den Reichtum an Einfällen aus dem Russischen ins Deutsche zu retten, bedurfte es eines Übersetzer-Teams. Ich muss nicht alle Namen nennen – sie haben es toll gemacht.

Gern nähme ich diesen Autor unter meine ganz persönlichen Serapionsbrüder auf. Es ist eine Runde, in der E.T.A. Hoffmann gespenstert, Edgar Allan Poe, Franz Kafka und Michail Bulgakow mit Entsetzen Scherz treiben. Noch im erbarmungslosen Buchmarkt überleben sie dank unübertrefflicher Appelle an die Angstlust der Leser, egal ob subtil oder wie  beim Kasperltheater. Natürlich ist “Tellluria” auch voll bitterer Satire. Es schürt die Sucht nach intellektuellen Wechselbädern: Lässt sich der irrationale Mensch am Ende dank einer Heilsgeschichte doch mit der Realität versöhnen?

Erwartet wer eine Antwort? Ein “Utopia” in “Telluria”?  Für den ist, glaube ich, dieses Buch nicht geschrieben. Eher für Romantiker mit einem sehr langen, rostigen Nagel im Kopf.

Vladimir Sorokin "Telluria" bei Kiepenheuer und Witsch
Aus dem Russischen vom Kollektiv Hammer und Nagel
ISBN: 978-3-462-04811-7
Erschienen am: 01.08.2015
416 Seiten, gebunden, 22,99 €

Mittwoch, Mai 13, 2015

Manfred Bosch (Hg.): Denk ich an den Bodensee…

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Vom Bodensee kann einer nicht genug bekommen, nicht wenn er Naturschönheiten schätzt, schon gar nicht, wenn er erspüren will, wie sich Kultur in Landschaften einschreibt. Die Zahl hier entstandener Fotos dürfte astronomisch sein – keines trifft die Mannigfaltigkeit an Impressionen nur eines Augenblicks am See. Die Menge der Reiseführer, des in jedem anderen Genre über den See Gedruckten ist imposant, es kommt fortwährend Neues hinzu – er wird nie „auserzählt“ sein.
Manfred Bosch hat nun aus Berichten, Anekdoten, Briefen, Gedichten, Artikeln der vergangenen 250 Jahre eine Anthologie kurzer, vielfarbiger Texte zusammengefügt: In „Denk ich an den Bodensee…“ reihen sie sich entlang der Geschichte, öffnen Ansichten der Region ebenso wie Zeitperspektiven zwischen Französischer Revolution, Biedermeier, Industrialisierung, den Kriegen und Krisen des 20. Jahrhunderts und der Gegenwart. Bosch erläutert in seinem Nachwort, was die Auswahl bestimmte, und er hält, was er dem Leser verspricht – etwa das „stereoskopische Zusammentreffen“ der Blicke Fremder mit denen Einheimischer.
Ich habe das hübsch gemachte, stabil gebundene Büchlein gern in die Hand genommen, den Pappeinband ziert der fast schon epidemische Blick auf die „Birnau“ in der Abendsonne, es passt in die Jackentasche des Reisenden. Beim Lesen freute ich mich daran, auf bekannte Namen wie James Fenimore Cooper, Victor Hugo, den skilaufenden Ernest Hemingway und – natürlich – die Droste zu treffen; ebenso gern ließ ich mich von Geschichten unbekannter oder vergessener Autoren überraschen: Der gerade vierzehnjährige John Ruskin etwa besucht 1833 mit seiner Familie Schaffhausen, er reflektiert das Gesehene und Erlebte lebhaft und mit erstaunlicher Reife. Der Kalabrese Enzo Posterivo erzählt, wie er 1960 als „Gastarbeiter“ nach Stockach kam.
Zur Sicht der Einheimischen auf Landschaft, Städte und Dörfer kommt immer wieder die fremde, zum Blick auf die Natur der auf wirtschaftliche, soziale, religiöse Besonderheiten. Rilke lauscht in seinem Gedicht „Vision“ auf die Stimme des als Ketzer verbrannten Jan Hus, während er in Konstanz durch nächtliche Gassen streunt, der dänische Kommunist Martin Andersen-Nexö erzählt von der Gründung eines „proletarischen Verlags“ um 1925. Fast gleichzeitig, 1927, sinnt Theodor Heuß der „Frommen Welt“ der Reichenau nach. Sein bedächtiges, einprägsames Reden bleibt unvergesslich.
Philosophen kamen an den See, Künstler, davon manche als Flüchtlinge. Einige lebten zurückgezogen, andere suchten und fanden in Künstlerkolonien Beachtung. Nur wenige dürfte der See nicht „am Haken“ gehabt haben – so nennt es Hermann Kinder im letzten der über 50 Texte. Er fühlt sich hier „fremd daheim“. Und das mag den Widerspruch dieser Region bezeichnen: Sie verzaubert die hier Verwurzelten wie die Zuwanderer, manchmal sogar Touristen.
Freilich: Der See und seine Landschaft leben von den Wetterwechseln, von Lichtstimmungen und Jahreszeiten. Felix Mendelssohn-Bartholdy nimmt uns mit auf einen Fußmarsch durch Sturm und Regen, der ihn ziemlich zerzauste; Anette von Droste-Hülshoff macht sich über ihre eigene Unwetter-Untauglichkeit lustig: Pudelnass hangelt sie sich quer durch die Reben zurück in ihr Zuhause im Schloss zu Meersburg. Victor Hugo schwärmt vom Rheinfall und Hölderlin dichtet in „Heimkunft“ – An die Verwandten:
Warm ist das Ufer hier und freundlich offene Tale
Schön von Pfaden erhellt grünen und schimmern mich an.
Gärten stehen gesellt und die glänzende Knospe beginnt schon
Und des Vogels Gesang ladet den Wanderer ein.

Die Lektüre führt einen mitten hinein in diese einzigartige Welt, auch wenn längst nicht alle Texte bestechen. Deutsch-, Geschichtslehrern und ihren Schülern möchte einer das Buch in die Hand drücken, damit sie ein Curriculum von Lesen und Wandern, Wandern und Lesen begönnen, das ihnen viele farblose Schulstunden ersetzte.
Manfred Bosch (Hg.)
»Denk ich an den Bodensee …« –
Eine literarische Anthologie

Hardcover, 208 Seiten