Mittwoch, Mai 13, 2015

Manfred Bosch (Hg.): Denk ich an den Bodensee…

Bosch-Bodensee_9783878000631

Vom Bodensee kann einer nicht genug bekommen, nicht wenn er Naturschönheiten schätzt, schon gar nicht, wenn er erspüren will, wie sich Kultur in Landschaften einschreibt. Die Zahl hier entstandener Fotos dürfte astronomisch sein – keines trifft die Mannigfaltigkeit an Impressionen nur eines Augenblicks am See. Die Menge der Reiseführer, des in jedem anderen Genre über den See Gedruckten ist imposant, es kommt fortwährend Neues hinzu – er wird nie „auserzählt“ sein.

Manfred Bosch hat nun aus Berichten, Anekdoten, Briefen, Gedichten, Artikeln der vergangenen 250 Jahre eine Anthologie kurzer, vielfarbiger Texte zusammengefügt: In „Denk ich an den Bodensee…“ reihen sie sich entlang der Geschichte, öffnen Ansichten der Region ebenso wie Zeitperspektiven zwischen Französischer Revolution, Biedermeier, Industrialisierung, den Kriegen und Krisen des 20. Jahrhunderts und der Gegenwart. Bosch erläutert in seinem Nachwort, was die Auswahl bestimmte, und er hält, was er dem Leser verspricht – etwa das „stereoskopische Zusammentreffen“ der Blicke Fremder mit denen Einheimischer.

Ich habe das hübsch gemachte, stabil gebundene Büchlein gern in die Hand genommen, den Pappeinband ziert der fast schon epidemische Blick auf die „Birn“ in der Abendsonne, es passt in die Jackentasche des Reisenden. Beim Lesen freute ich mich daran, auf bekannte Namen wie James Fenimore Cooper, Victor Hugo, den skilaufenden Ernest Hemingway und – natürlich – die Droste zu treffen; ebenso gern ließ ich mich von Geschichten unbekannter oder vergessener Autoren überraschen: Der gerade vierzehnjährige John Ruskin etwa besucht 1833 mit seiner Familie Schaffhausen, er reflektiert das Gesehene und Erlebte lebhaft und mit erstaunlicher Reife. Der Kalabrese Enzo Posterivo erzählt, wie er 1960 als „Gastarbeiter“ nach Stockach kam.

Zur Sicht der Einheimischen auf Landschaft, Städte und Dörfer kommt immer wieder die fremde, zum Blick auf die Natur der auf wirtschaftliche, soziale, religiöse Besonderheiten. Rilke lauscht in seinem Gedicht „Vision“ auf die Stimme des als Ketzer verbrannten Jan Hus, während er in Konstanz durch nächtliche Gassen streunt, der dänische Kommunist Martin Andersen-Nexö erzählt von der Gründung eines „proletarischen Verlags“ um 1925. Fast gleichzeitig, 1927, sinnt Theodor Heuß der „Frommen Welt“ der Reichenau nach. Sein bedächtiges, einprägsames Reden bleibt unvergesslich.

Philosophen kamen an den See, Künstler, davon manche als Flüchtlinge. Einige lebten zurückgezogen, andere suchten und fanden in Künstlerkolonien Beachtung. Nur wenige dürfte der See nicht „am Haken“ gehabt haben – so nennt es Hermann Kinder im letzten der über 50 Texte. Er fühlt sich hier „fremd daheim“. Und das mag den Widerspruch dieser Region bezeichnen: Sie verzaubert die hier Verwurzelten wie die Zuwanderer, manchmal sogar Touristen.

Freilich: Der See und seine Landschaft leben von den Wetterwechseln, von Lichtstimmungen und Jahreszeiten. Felix Mendelssohn-Bartholdy nimmt uns mit auf einen Fußmarsch durch Sturm und Regen, der ihn ziemlich zerzauste; Anette von Droste-Hülshoff macht sich über ihre eigene Unwetter-Untauglichkeit lustig: Pudelnass hangelt sie sich quer durch die Reben zurück in ihr Zuhause im Schloss zu Meersburg. Victor Hugo schwärmt vom Rheinfall und Hölderlin dichtet in „Heimkunft“ – An die Verwandten:

Warm ist das Ufer hier und freundlich offene Tale
Schön von Pfaden erhellt grünen und schimmern mich an.
Gärten stehen gesellt und die glänzende Knospe beginnt schon
Und des Vogels Gesang ladet den Wanderer ein.

Die Lektüre führt einen mitten hinein in diese einzigartige Welt, auch wenn längst nicht alle Texte bestechen. Deutsch-, Geschichtslehrern und ihren Schülern möchte einer das Buch in die Hand drücken, damit sie ein Curriculum von Lesen und Wandern, Wandern und Lesen begönnen, das ihnen viele farblose Schulstunden ersetzte.

Manfred Bosch (Hg.)
»Denk ich an den Bodensee …« –
Eine literarische Anthologie

Hardcover, 208 Seiten

Samstag, Mai 09, 2015

Schiffbruch

William Turner "Der Schiffbruch"

William Turner "Der Schiffbruch”

Ist es wirklich schon soweit?
Muss ich schon die Segel streichen?
In den stillen Priel entweichen
Ferne jedem Sturm und Streit?
Ganz entfernt von Lust und Träumen
Fernweh, Rausch und Übermut
In gefühlsbefreiten Räumen
Ganz vergessen Schmerz und Wut?

Ja, mein Schiff ist leck geschlagen
Brüchig Falle, Reeps und Trossen
Alle Munition verschossen
Morsches Holz will nichts mehr tragen.
Muscheln bohrten sich in Spanten
Nur noch Tünche hält den Rest
Der Kommandobrücke fest.
Ratten pfeifen von den Wanten:
„Zeit dass du von Bord verschwindest
Abwrackst diesen mürben Kahn
Du bist nur ein alter Mann
Zeit, dass du dich überwindest!
Sag dich los vom Abenteuer
Nimm die müde Hand vom Steuer!
Was dich trieb mit allen Sinnen
Nach dem Rot der Frauenlippen
Nach kokettem Füßewippen
Nach des Körpers schönster Zierde
Nach dem hingegebenen Fallen
In den Abgrund der Begierde
Da die Augen sich verschließen
Alle Fasern nur genießen
Englische Gesänge schallen
Kannst du längst nicht mehr gewinnen!“

Also pfeift die Rattenschar
Und es gellt mir in den Ohren
Alles ist – so scheint’s – verloren
Was Mission der Reisen war.

Bleibt mir nach der letzten Fahrt
Nur, mein Schiffchen abzufackeln
Und beschämt ins Grab zu wackeln?
Nein, das ist nicht meine Art.
Mit den Steinen unterm Fuß
Will ich noch ein wenig weilen
Mich beim Wandern nicht beeilen
Träumend bis zum letzten Kuss.

Samstag, September 28, 2013

Letzte Blüten

OrchideeWikiDas Gedicht spielt auf Georg Trakls "Romanze zur Nacht" an. Es erschien vor 100 Jahren, am Ende einer Epoche, die von mit besonderer Sensibilität Begabten wie Trakl als Vorabend katastrophaler Ereignisse wahrgenommen wurde.

Einsamer im Orchideenfeld
Suchst unter Blüten dein Herz zu retten
Wünschst, dass ein Wunder vom Himmel fällt
Defibrillator gegen Tod in den Betten
Hoffst auf Bestand für die Liebesträume
Auf deiner Bindungen Rekonvaleszenz
Leugnest die Macht der irdischen Trends
Mustermänner bevölkern die Räume.
Horch nur: die Elstern bekrächzen dein Scheitern
Horch nur: Klatschkanäle filtern dich aus
Horch nur: der Mob umstellt schon dein Haus
Sieh nur: die Wunden beginnen zu eitern.

Einsamer, nun schärfe dein Messer
Trenn dir die müden Triebe ab.
Die Orchideen nimm als Schmuck für dein Grab
Du weißt: In Freiheit stirbt es sich besser.

Donnerstag, August 01, 2013

Uhu

 

IMG_0802

Ich liebe alles nächtige Getier

Die Eulen, Schlangen, Kröten und die Spinnen

Die einsam jagen, mit geschärften Sinnen

Wenn alles schläft, dann treibt es mich zu dir.

Mein Lieben ist aus Furcht und Nacht und Tod

Es flieht die Ordnung, hasst die engen Räume

Sein Sein ist Chaos und sein Stoff die Träume

Ein Auf und Ab aus wilder Lust und Not.

Was Mäuse schreckt, muss nicht die Duckmaus spielen

Es scheut das Licht, weil’s keine Larve trägt

Die Sonne bringt es niemals an den Tag

Hinter dem falschen Frieden

Steckt der Todesschrei.

 

Sonntag, Juli 21, 2013

Lebenszeit

2013-07-14 12.15.54

Der Sommer bleibt nicht. Sag: willst du denn bleiben?
Törichter Mensch, das Universum rechnet nicht
in deinen Zahlen: Stunde, Jahr und Tag.
Ist nicht dein Winter dir ins Fleisch geschrieben?
Ist's nicht des Herzens allerletzter Schlag?

Du weißt es nicht. Du willst es gar nicht wissen.
Du wünschst, dass jeder Schmerz dich meiden soll.
Du träumst von Lust, von Liebe und von Küssen
Die ewig dauern, ohne Lebewohl.

Dein Herbst, mein Freund, winkt schon aus Rosenblüten
Die Wolken ziehn – vertrau dich ihnen an.
Du warst ein Kind, geliebt, du wurdest Mann
Und lerntest hassen, kämpfen, wüten
Bist bald ein Greis, schon färbt der Frost dein Haar -
Vertrau den Wolken. Was vergeht, ist wahr.

Donnerstag, März 07, 2013

Gespenster - Zeitgeister - Grenzerfahrungen

umtriebiger Traumtänzer und Multitalent

Der "Gespenster-Hoffmann" gehörte schon früh zu meinen literarischen Vätern; mit 14 radelte ich hinaus in den Frühling, im Gepäck die "Serapionsbrüder", träumte mich, bäuchlings ins Gras einer Lichtung des Thüringer Waldes gestreckt, fort nach Italien oder in die Straßen von Dresden, wo der Student Anselmus seiner großen Liebe nachjagt, einer Märchenprinzessin in Gestalt einer goldenen Schlange. "Was ist Wahn, was Wirklichkeit?" - so begann die Reise entlang der Grenzen und darüber hinaus.

Kein Wunder also, dass mich im "Raketenschirm" diese Frage ebenso beschäftigt wie in den beiden ersten Romanen - es finden sich noch andere tiefe Bezüge zu E.T.A. Hoffmann. Die Frühlings-Session von "Leben Lesen" widmet sich dem großartigen Komponisten, Erzähler, verzweifelt erfolglosen Theaterdirektor, Alkoholiker, den der frühe Tod vor seinem Hinauswurf aus dem preußischen Staatsdienst bewahrte. Als Kammergerichtsrat hatte er 1822 den renitenten"Meister Floh" verfasst, erst 86 Jahre nach seinem Tod erschien der von der Zensur beschlagnahmte Text.

Es ist auch kein Wunder, dass "Leben Lesen" sich auf den Gespenster-Hoffmann beruft: die Erzählrunde der "Serapionsbrüder" war dafür ein Vorbild. Dort trafen sich Hoffmanns - fiktive - Freunde und spannen ihr Garn. Wenn wir uns also zum Erzählen im Kaminzimmer des "Atlantic" ums Feuer versammeln, dann ist das die stimmungsvolle Reverenz an sein aufgeregtes, umtriebiges, phantastisches Leben und Träumen.

Termin: 27. März 2013 19 Uhr, im "Atlantic Parkhotel " Baden-Baden, Kaminzimmer. Näheres zur Veranstaltung unter "Aktuelle Termine"

Mittwoch, Dezember 19, 2012

Leben, Lesen, Lieben nach dem Weltuntergang

Durer_Revelation_Four_Riders
In Dürers berühmtem Holzschnitt der vier apokalyptischen Reiter schwingt der dynamischste die Waage: er bringt Inflation und Hungersnot. Das ist nur eine der Plagen, die mit dem Jüngsten Gericht hereinbrechen – dem Ende der Welt wie wir sie kennen. Die Angst davor ist so alt wie die Menschheit, das Gelächter über die Ängstlichen aber war nie so laut wir heute. Mit Entsetzen Scherz zu treiben, ist ein lukrativer Zweig der Unterhaltungsindustrie.
Sind wir mit unserer weitgehend abgesicherten Existenz, einer nie zuvor erlebten Epoche des Friedens und der Prosperität in der Lage, uns auf eine Katastrophe apokalyptischer Dimension einzurichten, sie uns auch nur vorzustellen?
Es fehlt nicht an literarischen oder filmischen Szenarien, gewiss. Was aber täte jeder Einzelne von uns, wenn ihn die vier Reiter unter die Hufe nähmen?
Am 17. Januar treffen wir uns zum ersten Literatur-Jam 2013. Miterzähler sind – wie immer – willkommen. Wer einfach nur reinschnuppern und zuhören will ebenso. Näheres unter Aktuelle Termine

Dienstag, Oktober 16, 2012

Tanzend auf der Galgenleiter

Frank_WedekindFrank Wedekind war einer der meistgespielten Dramatiker zu Anfang des 20. Jahrhunderts und eine ausgemachte Skandalnudel. Zu seiner Beerdigung kamen 1918 viele Künstler – z.B. der Jungdichter Bert Brecht - und etliche Damen aus dem Rotlichtmilieu; München war mal wieder empört. Wir erinnern an ihn wegen eines Gedichtes zu Leben, Tod und Sterben. Es hat eine besondere Haltung – und welche haben wir?
Passend zum "Monat mit dem Trauerflor", in dem der "Sturm johlend durch das Land der Farben reitet" (Erich Kästner) fabulieren wir dazu bei Leben Lesen am 15. November.

Erdgeist

Greife wacker nach der Sünde;
Aus der Sünde wächst Genuß,
Ach du gleichest einem Kinde,
Dem man alles zeigen muß.

Meide nicht die ird´schen Schätze:
Wo sie liegen, nimm sie mit.
Hat die Welt doch nur Gesetze,
Daß man sie mit Füßen tritt.

Glücklich wer geschickt und heiter
über frische Gräber hopst.
Tanzend auf der Galgenleiter
Hat sich keiner noch gemopst.

Leben Lesen am 15.11.2012 19 Uhr im Groschenmuseum Baden-Baden, Steinstraße 3 zum Thema“Tanzend auf der Galgenleiter – wie ernst nehmen wir den Tod?”

Montag, September 24, 2012

Leben Lesen extra im Oktober

Abenteuer in der Berliner S-Bahn: aus “Babels Berg”

 

"Ikarus mit Bleigürtel – Reisen im Flug durch vier Jahrzehnte deutsch-deutscher Geschichte" ist ein Abend mit Texten aus allen drei Teilen der Romantrilogie "Wolkenzüge". Das “Literatur-Spiel” gab’s in diesem Jahr u.a. im Berliner DDR-Museum, in der Suhler Stadtbibliothek, in der Stiftsbuchhandlung Nottuln. Kurz vorm Erscheinen des dritten Teils - "Raketenschirm" - lade ich ins Groschen Museum Baden-Baden zum Mitfliegen ein. Termin: 11.10., 19:30.
Auf das Publikum wartet wie immer in unserer Reihe literarischer Jamsessions mehr als nur eine Lesung: eine Einladung zum Mitgestalten, Fragen, Miterzählen.