Donnerstag, März 07, 2013

Gespenster - Zeitgeister - Grenzerfahrungen

umtriebiger Traumtänzer und Multitalent

Der "Gespenster-Hoffmann" gehörte schon früh zu meinen literarischen Vätern; mit 14 radelte ich hinaus in den Frühling, im Gepäck die "Serapionsbrüder", träumte mich, bäuchlings ins Gras einer Lichtung des Thüringer Waldes gestreckt, fort nach Italien oder in die Straßen von Dresden, wo der Student Anselmus seiner großen Liebe nachjagt, einer Märchenprinzessin in Gestalt einer goldenen Schlange. "Was ist Wahn, was Wirklichkeit?" - so begann die Reise entlang der Grenzen und darüber hinaus.

Kein Wunder also, dass mich im "Raketenschirm" diese Frage ebenso beschäftigt wie in den beiden ersten Romanen - es finden sich noch andere tiefe Bezüge zu E.T.A. Hoffmann. Die Frühlings-Session von "Leben Lesen" widmet sich dem großartigen Komponisten, Erzähler, verzweifelt erfolglosen Theaterdirektor, Alkoholiker, den der frühe Tod vor seinem Hinauswurf aus dem preußischen Staatsdienst bewahrte. Als Kammergerichtsrat hatte er 1822 den renitenten"Meister Floh" verfasst, erst 86 Jahre nach seinem Tod erschien der von der Zensur beschlagnahmte Text.

Es ist auch kein Wunder, dass "Leben Lesen" sich auf den Gespenster-Hoffmann beruft: die Erzählrunde der "Serapionsbrüder" war dafür ein Vorbild. Dort trafen sich Hoffmanns - fiktive - Freunde und spannen ihr Garn. Wenn wir uns also zum Erzählen im Kaminzimmer des "Atlantic" ums Feuer versammeln, dann ist das die stimmungsvolle Reverenz an sein aufgeregtes, umtriebiges, phantastisches Leben und Träumen.

Termin: 27. März 2013 19 Uhr, im "Atlantic Parkhotel " Baden-Baden, Kaminzimmer. Näheres zur Veranstaltung unter "Aktuelle Termine"

Mittwoch, Dezember 19, 2012

Leben, Lesen, Lieben nach dem Weltuntergang

Durer_Revelation_Four_Riders
In Dürers berühmtem Holzschnitt der vier apokalyptischen Reiter schwingt der dynamischste die Waage: er bringt Inflation und Hungersnot. Das ist nur eine der Plagen, die mit dem Jüngsten Gericht hereinbrechen – dem Ende der Welt wie wir sie kennen. Die Angst davor ist so alt wie die Menschheit, das Gelächter über die Ängstlichen aber war nie so laut wir heute. Mit Entsetzen Scherz zu treiben, ist ein lukrativer Zweig der Unterhaltungsindustrie.
Sind wir mit unserer weitgehend abgesicherten Existenz, einer nie zuvor erlebten Epoche des Friedens und der Prosperität in der Lage, uns auf eine Katastrophe apokalyptischer Dimension einzurichten, sie uns auch nur vorzustellen?
Es fehlt nicht an literarischen oder filmischen Szenarien, gewiss. Was aber täte jeder Einzelne von uns, wenn ihn die vier Reiter unter die Hufe nähmen?
Am 17. Januar treffen wir uns zum ersten Literatur-Jam 2013. Miterzähler sind – wie immer – willkommen. Wer einfach nur reinschnuppern und zuhören will ebenso. Näheres unter Aktuelle Termine

Dienstag, Oktober 16, 2012

Tanzend auf der Galgenleiter

Frank_WedekindFrank Wedekind war einer der meistgespielten Dramatiker zu Anfang des 20. Jahrhunderts und eine ausgemachte Skandalnudel. Zu seiner Beerdigung kamen 1918 viele Künstler – z.B. der Jungdichter Bert Brecht - und etliche Damen aus dem Rotlichtmilieu; München war mal wieder empört. Wir erinnern an ihn wegen eines Gedichtes zu Leben, Tod und Sterben. Es hat eine besondere Haltung – und welche haben wir?
Passend zum "Monat mit dem Trauerflor", in dem der "Sturm johlend durch das Land der Farben reitet" (Erich Kästner) fabulieren wir dazu bei Leben Lesen am 15. November.

Erdgeist

Greife wacker nach der Sünde;
Aus der Sünde wächst Genuß,
Ach du gleichest einem Kinde,
Dem man alles zeigen muß.

Meide nicht die ird´schen Schätze:
Wo sie liegen, nimm sie mit.
Hat die Welt doch nur Gesetze,
Daß man sie mit Füßen tritt.

Glücklich wer geschickt und heiter
über frische Gräber hopst.
Tanzend auf der Galgenleiter
Hat sich keiner noch gemopst.

Leben Lesen am 15.11.2012 19 Uhr im Groschenmuseum Baden-Baden, Steinstraße 3 zum Thema“Tanzend auf der Galgenleiter – wie ernst nehmen wir den Tod?”

Montag, September 24, 2012

Leben Lesen extra im Oktober

Abenteuer in der Berliner S-Bahn: aus “Babels Berg”

 

"Ikarus mit Bleigürtel – Reisen im Flug durch vier Jahrzehnte deutsch-deutscher Geschichte" ist ein Abend mit Texten aus allen drei Teilen der Romantrilogie "Wolkenzüge". Das “Literatur-Spiel” gab’s in diesem Jahr u.a. im Berliner DDR-Museum, in der Suhler Stadtbibliothek, in der Stiftsbuchhandlung Nottuln. Kurz vorm Erscheinen des dritten Teils - "Raketenschirm" - lade ich ins Groschen Museum Baden-Baden zum Mitfliegen ein. Termin: 11.10., 19:30.
Auf das Publikum wartet wie immer in unserer Reihe literarischer Jamsessions mehr als nur eine Lesung: eine Einladung zum Mitgestalten, Fragen, Miterzählen.

 

Dienstag, September 04, 2012

Die Lust am Eigensinn – wieviel Anpassung braucht der Mensch?

Bild

 Der Denkerclub - deutsche Karikatur Anfang des 19. Jahrhunderts

Große Ideen zur Verbesserung der Welt - ausgedacht in enger Runde, versteckt hinterm Maulkorb angepasster Lebensweise: so sah ein Zeichner die Deutschen im Biedermeier vor 200 Jahren.

Wir haben's besser: frei heraus dürfen wir unsere Meinungen äußern, sie via Internet verbreiten, Zensur findet nicht statt. Jeder kann "nach eigenem Willen" glücklich werden, sein Leben mit eigenem Sinn erfüllen. Oder nicht?

Kann es sein, dass mit Denk- und Redeverboten auch die Lust am Eigensinn entfällt, dass eine gewisse Bequemlichkeit und herdenhafte Anpassung sich ausbreiten und dass, wo sich alle wohlfühlen und auf Krisenvermeidung aus sind, die Eigensinnigen nur noch stören?

Am 29.9. erscheint das Buch zum Thema von Wolfgang Korn - Ich hab's vorab gelesen und besprochen, ich freu mich über kontroverse Gespräche über den Eigensinn berühmter Männer - und den aller Gäste bei Leben Lesen am  20. September.

Freitag, Juni 22, 2012

"Liebe ist ein süßes Gift" - oder doch ein Wunder?

Balkonrose_09gGestern war die Jamsession ein Kammermusikabend: 
nur ein halbes Dutzend kamen ins Groschenmuseum. 
Dafür war's äußerst lebendig, alle spielten mit, und bei den Nationalitäten ging's wieder eins rauf: ein gebürtiger Ungar war unter den Erzählern. Willkommen Istvan!
 

 

Kleines Mitbringsel in Gedichtform: “Nachttag”

Der Mond durchstreift mit uns den Park
Die Sterne säumen unser Himmelbett
Wir tauchen in des andern Schlummerwolken
Und unsre Küsse wollen nimmer enden.
Ein sanftes Dickicht wird aus unseren Händen.
Wir schweben zwischen wach und Traum und wach
Das erste matte Tageslicht sieht uns ermatten.
Doch müde sind wir nicht, wir sind in Trance.
Wir treiben zwischen Schwindel und Balance.
Die Sonne ist in uns verliebt
Und malt aufs Laken zärtlich unsere Schatten.

Nach der Sommerpause ist “Leben Lesen” wieder am 20. September Themenvorschläge erwünscht!

Samstag, Januar 14, 2012

Start ins Jahr des Drachen

daisohn_200Das Jahr 2012 beginnt nach dem Mondkalender am 23.Januar, es steht im Zeichen des Drachen. Der Drache ist Nationalsymbol des "Reiches der Mitte". In diesem Jahr soll der Kulturaustausch zwischenDeutschland und China besonders gefördert werden; wir wollen in Baden-Baden das Unsere tun: Auftakt war ein Abend in der Baden-Badener Stadtbibliothek – ein großer Erfolg. Für alle, die nicht dabei sein konnten, wiederholen wir die Veranstaltung
"Zwischen Dschungel und Millionenstadt - Chinas unentdeckte Gesichter"am Sonntag, den 4. März, nachmittags 16 Uhr im zauberhaften Museum für Münzen und Medaillen, von Bea Laufersweiler mitten in der Baden-Badener Altstadt in der Steinstraße 3, eingerichtet.Wir zeigen den gleichnamigen Dokumentarfilm über die Situation ethnischer Minderheiten in China. Am bekanntesten sind die Tibeter, es gibt aber 55 Volksgruppen mit eigener Kultur, manche mit eigener Sprache. Zu ihnen gehören die Dai, den Thaivölkern in Sprache und Schrift eng verwandt. Mit dieser und anderen vielfältigen, bewahrenswerten Kulturen befassen sich der Film und das anschließende Gespräch.
Weiter geplant für 2012:
20. März: Weltweite Lesung für den Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo, zu der das internationale literaturfestival berlin (ilb) Kulturinstitutionen, Schulen, Radiosender und Interessierte aufruft - "Leben Lesen", unsere Literaturreihe, wird sich beteiligen.
In der zweiten Jahreshälfte ist eine Veranstaltung mit Liao Yiwu geplant.

Mittwoch, Januar 04, 2012

Rationierte Urlaubsfreuden


Vom "Fichtelberg" zum Ostseestrand
Schon bei flüchtiger Durchsicht dieses Buches zieht man vor dem Autor respektvoll den Hut: Thomas Schaufuß, geboren 1949 in Leipzig, hat eine eindrucksvolle Arbeitsbiographie Ost, und er hat sich mit fast vierzig nach seiner Ausreise aus der DDR nicht nur als Unternehmer behauptet, er hat auch geforscht, studiert, gesammelt, sich Wissen für seinen zeitgeschichtlich bedeutenden Text angeschafft. Der Titel klingt nach Kunstleder: “Die politische Rolle des FDGB-Feriendienstes in der DDR – Sozialtourismus im SED-Staat”, von 470 Seiten bestehen gut die Hälfte aus anhängenden Dokumenten und der Bibliographie, aber nicht nur Fachleute kommen bei der Lektüre auf ihre Kosten: Geschichte und Geschichten des gewerkschaftlich organisierten Urlauberwesens ergeben ein vollständiges und facettenreiches Bild, es wird durch zahlreiche historische Illustrationen noch anschaulicher.
Die Archivalien der DDR–Gewerkschaft - Berge von Papier – stellten den Autor vor Probleme: sie sind zwar seit 1990 zugänglich, aber unsystematisch abgelegt, kaum erschlossen, und Statistiken aus dem SED-Staat sind mit Vorsicht zu genießen: Schlamperei und Schönfärberei gehörten zum Geschäft. Es gelingt ihm trotzdem, den Weg von den Anfängen der Erholungsheime für Arbeiter, vom offiziellen Vorbild in der Sowjetunion über das “heimliche Vorbild” KdF – “Kraft durch Freude” – den organisierten Arbeitnehmertourismus im Dritten Reich – bis zu den wachsenden Dienstleistungen des FDGB in den 80er Jahren nachzuzeichnen.
Schaufuß beleuchtet die Finanzierung, die politisch-ideologische Ausrichtung, das Kulturangebot, das Verteilungssystem mit seinen Kungeleien und Ungerechtigkeiten, Privilegien von SED- und Stasi-Kadern, er beschreibt Kreuzfahrten mit der “Völkerfreundschaft”, mit dem vom ZDF 1985 erworbenen vormaligen “Traumschiff” “Arkona”, er belegt, wie diese Schiffe das System strapazierten. Er berichtet über die Überwachung von Touristen aus dem Ausland in FDGB-Heimen und – pars pro toto - über die letzten zehn Jahre im relativ neuen und gut ausgestatteten FDGB-Heim “Fichtelberg”. Dort, im Erzgebirge, war Schaufuß jahrelang gastronomischer Direktor. Er erlebte, wie die Ansprüche der Gäste an die Qualität von Übernachtungen und Verpflegung wuchsen, die Mangelwirtschaft der DDR dem politisch motivierten Versorgungsauftrag aus dem Politbüro aber immer weniger gerecht wurde. Er kennt Freuden und Leiden des DDR-Urlaubers aus nächster Anschauung, er hat den Spitzelapparat erlebt und schließlich das Scheitern der “Fürsorgediktatur”. Thomas Schaufuß kennt sich aus mit ihren inneren Widersprüchen, mit der relativen Stabilität, den Verklärungsversuchen, den hartnäckig fortexistierenden Seilschaften.
Soll ich anmerken, dass die Sprache des Autors bisweilen seine Jahre in der DDR-Wirtschaft durchscheinen lässt, die Mitarbeit in Facharbeitsgruppen der FDGB-Führung etwa, weil sie hölzern daherkommt, als “Normsprech”, mir selbst noch in unangenehmer Erinnerung? Dies mindert die Qualität des Buches schon deshalb nicht, weil der Autor Qualität durch Genauigkeit erreicht, sich jeglicher Eitelkeit ebenso enthält wie der Versuchung persönlicher Abrechnungen – und genau deshalb sehen ganze Verlagsjahrgänge ostalgischer Verklärungsliteratur neben diesem Buch einfach wie Altpapier aus .
Thomas Schaufuß  Die politische Rolle des FDGB-Feriendienstes in der DDR.Sozialtourismus im SED-Staat. Mit Geleitworten von Vera Lengsfeld / Klaus Schroeder.Tab., Abb.; XXIV, 469 S., Verlag Duncker & Humblot, Berlin  38,80 € oder als E-Book lesbar bei paperc.de

Freitag, Dezember 30, 2011

Ein Christbaum–Leben

Tatsächlich musste eine Chinesin kommen, eine Frau also, die zum Christentum im Allgemeinen und Weihnachten im Besonderen überhaupt kein Verhältnis hat, um dieses Fest, seine religiösen Wurzeln, seine Rituale völlig neu zu erleben.

PaarWeihnacht2011

Weihnacht 2011

Es mag auch mit dem Altern zusammenhängen, mit intensiverem Erinnern an kindliche Weihnachten, dass einer wieder echte Kerzen im Grün und Gold brennen sehen will – in all meinen Jahren als Single hatte es mir wenig bedeutet. Nun, im Zusammenleben mit Qin aus Nanking, gab es immer einiges zu erklären und zu erzählen, wenn wir Kirchen und Klöster besuchten, wenn der Dezember kam mit Adventlichtern, mit einem Stall samt Pony, Ziegen, Kuh und Krippe auf dem Christkindlesmarkt, einer Plastikversion desselben vor der brutalst kitschigen Touristenschänke in der Fußgängerzone, wenn der alte “Da Bi Zi”* bereit war, in Kirchenlieder einzustimmen, obwohl er der Institution Kirche schon vor Jahrzehnten Adieu gesagt hat.

Bei diesen kultur- und religionshistorischen Erzählungen kam ich zwangsläufig auf die Botschaft vom Kind, das der Menschheit Frieden, Erlösung von Schuld und Sünden verspricht, dem Tod seinen Schrecken nimmt. Die Geburt Christi geht in der Bibel mit Lichterscheinungen einher, sie geschieht mitten in der Nacht, Hirten und Weise aus dem Morgenland werden erleuchtet, kurz: das Wichtigste an diesem Geschehen ist eigentlich, dass etwas Erhellendes, Beglückendes nicht menschlicher Vernunft entspringt, sondern als Geschenk Gottes unter wahrlich himmelschreienden biologischen und physikalischen Ungereimtheiten in die Welt kommt.

Im Kern der Botschaft gibt es indessen einen Zusammenhang zwischen Licht, Leben und Liebe – es gibt Ähnliches in fernöstlichem Glauben.

Nachdem ich in diesem Jahr wieder für Qin einen Kinderzeit-Weihnachtsbaum mit Kerzen statt elektrischer Beleuchtung geschmückt habe, nachdem wir den Zauber der lebendigen Flammen, des Dufts, des Abbrennens und Verlöschens gemeinsam bestaunt haben, hätten wir dem etwas altbacken wirkenden Lied vom Tannenbaum noch ein paar Strophen hinzuzufügen: Darin wäre vom Geschenk zu reden, auf brennende Kerzen achten zu dürfen. So ein Christbaum alter Fassung ist ein Sicherheitsrisiko, er verlangt uns – von der richtigen Platzierung der Glaskugeln, Glöckchen, Ketten zwischen den Zweigen, auf dass sie nicht den Flammen zu nahe kommen, über die Pflicht, alles beim Abbrennen immer im Auge zu behalten, bis zum Reinigen, Pflegen, neu Bestücken der Kerzenhalter – ein Mehr an Mühe und Aufmerksamkeit ab. Dafür werden wir belohnt: Der Baum und sein Fest leuchten nicht nur nebenbei. Wir nehmen uns Zeit für ihn und gewinnen Zeit für uns, unersetzliche, liebevolle Zeit – die sich der Erinnerung an die Christbäume der Kindheit verbindet.

Es sind Bäume fürs Leben.

Weihnacht 1953

Weihnacht 1953

*)chinesisch: “Großnase”